Fahr hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! (Lk 5,4)

22 Woche im Jahreskreis Donnerstag

Aus dem heiligen Evangelium nach Lukas
Lk 5, 1–11

In jener Zeit, als die Volksmenge Jesus bedrängte und das Wort Gottes hören wollte, da stand er am See Gennesaret und sah zwei Boote am See liegen. Die Fischer waren aus ihnen ausgestiegen und wuschen ihre Netze.
Jesus stieg in eines der Boote, das dem Simon gehörte, und bat ihn, ein Stück weit vom Land wegzufahren. Dann setzte er sich und lehrte das Volk vom Boot aus.
Als er seine Rede beendet hatte, sagte er zu Simon: Fahr hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!
Simon antwortete ihm: Meister, wir haben die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch auf dein Wort hin werde ich die Netze auswerfen.
Das taten sie und sie fingen eine große Menge Fische; ihre Netze aber drohten zu reißen.
Und sie gaben ihren Gefährten im anderen Boot ein Zeichen, sie sollten kommen und ihnen helfen. Sie kamen und füllten beide Boote, sodass sie fast versanken.
Als Simon Petrus das sah, fiel er Jesus zu Füßen und sagte: Geh weg von mir; denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr!
Denn Schrecken hatte ihn und alle seine Begleiter ergriffen über den Fang der Fische, den sie gemacht hatten; ebenso auch Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, die mit Simon zusammenarbeiteten. Da sagte Jesus zu Simon: Fürchte dich nicht! Von jetzt an wirst du Menschen fangen. Und sie zogen die Boote an Land, verließen alles und folgten ihm nach.

Tagesimpuls

Fahr hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus! (Lk 5,4)

Jesus kommt auf Simon in zwei Schritten zu. Der erste Schritt ist die Bitte, ihn in sein Boot zu lassen. Petrus muss da nicht viel machen, er muss es nur zulassen. Auch wenn er es nur zulassen muss, ist es doch ein großer innerlicher Schritt. Was würde ich sagen, wenn jemand, den ich nicht kenne, mal mein Auto leihen möchte? Es ist für mich nicht viel Arbeit, aber ich muss es zulassen, da muss ich vertrauen und über meinen Schatten springen. Im übertragenen Sinne können wir uns fragen: Will ich Jesus hineinlassen in mein Leben? Lasse ich ihn in alle Bereiche meines Lebens hinein?

Fahr hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

Der zweite Schritt ist noch größer. Jesus fordert Simon zu etwas auf, was er tun soll. Die Sache wird noch dadurch erschwert, dass das, was Jesus will, in den Augen des Simon als sinnlos erscheinen muss. Dementsprechend zögert Simon auch und teilt Jesus seine Bedenken mit: „Meister, wie haben die ganze Nacht gearbeitet.“ Das ist noch ein weiteres Bedenken: Simon ist müde, und jetzt soll er noch etwas machen, was er nicht versteht. Aber er tut es, er lässt sich ein auf die Aufforderung Jesu. Er vertraut Jesus.

Fahr hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

Es wird erzählt, dass die Priester in früheren Zeiten meistens gepredigt hätten, was man tun muss und was man nicht darf. Heute sind Moralpredigten verpönt und die Priester predigen immer: „Ihr seid die Besten! Gott liebt euch!“ Das ist jetzt ein wenig ironisch ausgedrückt. Es ist ja auch richtig. Und Gott liebt den verlorenen Sohn und er liebt auch den Schächer am Kreuz. Aber in seiner Liebe sagt Jesus uns auch Dinge, die wir tun sollen, um nicht unglücklich zu werden und damit wir niemandem Schaden zufügen. Jesus will auch etwas von uns, was wir tun sollen.

Fahr hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!

Man sollte also nicht aufhören, die Liebe Gottes zu betonen. Und es mag sein, dass das früher zu wenig geschehen ist. Aber es ist einseitig, wenn man nur die Liebe Gottes betont. Bei einer Ehebrecherin zeigte Jesus ihr die unbedingte Liebe Gottes. Er sagte ihr aber auch: „Geh und sündige nicht mehr!“ Moral ist immer noch so wichtig wie früher. Wenn wir uns von Gott geliebt wissen, dann kann uns das auch helfen, ein gutes Leben zu führen, indem wir tun, was Jesus uns sagt.

Gebet:

Jesus, ich danke dir, dass du besorgt um uns bist. Du bist wie Eltern, die ihr Kind lieben, aber auch möchten, dass es die richtigen Entscheidungen trifft. Bitte stärke uns zum richtigen Handeln, besonders in den Situationen, wo der Versucher uns vom Weg abbringen will.

Pastor Roland Bohnen

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2 Kommentare

  1. Lieben Dank, Pastor Bohnen für ihre Auslegung. Ich habe in meinem Leben erfahren, daß die Gebote Worte der Liebe für mich sind. Daß sie den Weg führen, der mich zufrieden, ja sogar glücklich macht. Ich habe auch einmal in eine Katechese gehört, daß das Wort „sollen“ im Hebräischen auch „werden“ heißt: Du wirst das und das nicht tun. Dann wäre das Einhalten der Gebote (später die Bergpredig) eine Antwort auf die Liebe Gottes, die ich erfahren habe und zurückgeben/ vertrauen möchte.
    Ich weiß nicht, warum kaum noch Kommentare kommen. Ich hoffe, Sie machen trotzdem weiter, es hält mich im Moment am Leben (geistlich)! Liebe Grüße, Nicole SB

  2. Wenn die göttliche Liebe uns in die Tiefe ruft. Ein orthodoxes Zeugnis des Vertrauens
    von Dr. St. Patsourakou, Hillensberg

    Der wunderbare Tagesimpuls von Pastor Roland Bohnen schenkt uns heute ein echtes Trostwort für die Seele. Er erinnert uns daran, wie behutsam und voller Liebe Jesus in unser Leben tritt. Schaut man mit den Augen der griechisch-orthodoxen Tradition und der alten Kirchenväter auf diese innige Begegnung am See Gennesaret, dann weitet sich das Herz noch ein Stückchen mehr. Es ist eine Geschichte von blindem Vertrauen, von einem sanften Heiland und von der unendlichen Weite Seiner Barmherzigkeit.

    Wenn Pastor Bohnen davon spricht, dass Jesus als Erstes einfach nur darum bittet, in das Boot des Simon geholt zu werden, und Petrus dies „nur zulassen“ muss, berührt das ein ganz tiefes Geheimnis der Liebe: Gott drängt Sich uns niemals auf. In der orthodoxen Theologie nennen wir das Synergie – ein wunderschönes, liebevolles Zusammenspiel zwischen Gottes Gnade und unserer Freiheit. Das Boot ist für die Kirchenväter ein Bild für die Kirche, aber im Kleinen auch für unser eigenes Herz.

    Der heilige Theophylakt von Ohrid schreibt dazu in seinem Lukas-Kommentar: „Das Boot des Petrus ist die Kirche, die auf den Wellen dieser Welt schwimmt. Wenn Christus in ihr sitzt, lehrt Er die Völker vom Wasser aus, und obwohl das Boot geschüttelt wird, kann es nicht sinken, weil der Steuermann die Wahrheit selbst ist.“

    In dieses Bild fügt sich die tiefe Theologie des heiligen Maximus des Bekenners perfekt ein, der das menschliche Herz als den Ort sieht, an dem die Freiheit durch die Liebe erst wahrhaftig wird. Für Maximus ist das „Zulassen“ Christi im eigenen Lebensboot der Moment, in dem der menschliche Wille mit dem göttlichen Willen eins wird.

    Er lehrte, dass der Mensch erst in diesem innigen, freien „Ja“ – dem Vertrauen des Fischers mitten in seiner Erschöpfung – unendlich offen, wahrhaft frei und mit Gott vereint wird. Indem Petrus Jesus den Raum seines alltäglichen Handwerks öffnet, geschieht genau das: Der Alltag wird geheiligt. Es ist, als würde Simon leise sagen: „Komm Herr, nimm Platz in meinem Leben.“

    Und dann folgt dieser liebevolle Ruf Jesu, der uns alle meint: „Fahr hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“ (Lk 5,4). Die orthodoxe Mystik versteht dieses „Tiefe“ als das innerste, verborgene Kämmerlein unseres Herzens.

    Der heilige Johannes Chrysostomos betont in seinen Homilien, dass Jesus Seine Jünger nicht unvorbereitet ins Ungewisse schickt: „Christus führt sie nicht sofort in die Tiefe, sondern erst, nachdem Er sie durch Seine Lehre geistig gestärkt hat. So verlangt Er auch von uns, dass wir den seichten Verstand verlassen und die Netze Seiner Gebote in die Tiefe der göttlichen Weisheit auswerfen, die für den weltlichen Menschen unbegreiflich ist.“

    Oft placken wir uns, genau wie die Fischer in der Nacht, müde und erschöpft an der Oberfläche des Lebens ab und bleiben innerlich leer. Jesus aber sehnt Sich danach, uns an die Hand zu nehmen und uns tiefer zu führen – dorthin, wo Seine Liebe alle Sorgen stillt.

    Wenn Simon trotz seiner Erschöpfung antwortet: „Meister, […] auf dein Wort hin werde ich die Netze auswerfen“ (Lk 5,5), dann ist das ein Moment des puren, kindlichen Vertrauens. Im orthodoxen Verständnis sind Gottes Gebote und die christliche Moral kein schweres, trockenes Gesetzbuch, sondern eine zärtliche Medizin für unsere verwundeten Seelen. Sie sind wie Leitplanken der Liebe, die uns davor schützen, uns selbst oder anderen wehzutun.

    Theophylakt von Ohrid bemerkt hierzu bewundernd: „Betrachte den Gehorsam des Petrus! Er sagt nicht: ‚Ich bin erschöpft, ich widersetze mich dir.‘ Sondern er ehrt Ihn als Lehrer und gehorcht. Deswegen fängt das Netz des Gehorsams das ein, was das Netz menschlicher Mühe in der Nacht der Sünde niemals fangen konnte.“

    Wenn wir auf Jesu Stimme hören, verwandelt Er unsere innere Nacht in einen strahlenden, fruchtbaren Tag.

    Als das Wunder geschieht und die Netze fast reißen, fällt Petrus voller Staunen vor Jesus nieder: „Geh weg von mir; denn ich bin ein sündiger Mensch, Herr!“ (Lk 5,8).

    Im griechischen Urtext nennt er Jesus jetzt nicht mehr nur „Meister“, sondern ganz ehrfürchtig „Herr“ (Kyrie). Wenn wir der unendlichen Reinheit und Liebe Gottes ganz nah kommen, spüren wir plötzlich unsere eigene Unvollkommenheit. Aber das ist keine Angst, die uns trennt, sondern eine heilsame Träne der Rührung (Metanoia).

    Der heilige Cyrill von Alexandrien erklärt diese Szene so wunderbar: „Petrus erschrak, weil er spürte, dass die göttliche Natur im Fleisch vor ihm stand. Das ‚Geh weg von mir‘ ist nicht der Ausdruck des Hasses, sondern der heiligen Furcht vor der Unreinheit des eigenen Herzens angesichts der Reinheit Gottes.

    Je näher der Mensch Gott kommt, desto deutlicher sieht er seine Sünden – nicht um verzweifelt zu werden, sondern um geheilt zu werden.“

    Doch was bedeutet es nun konkret aus orthodoxer Sicht, die Netze auszuwerfen?

    Die heiligen Väter deuten das Auswerfen der Netze als den aktiven Vollzug des christlichen Lebens durch die Praxis der Tugenden und des unaufhörlichen Gebets. Die Fäden des Netzes sind die einzelnen Gebote Christi, die miteinander verwoben sind. Wenn wir diese Netze auswerfen, öffnen wir unsere Seele ganz für das Wirken des Heiligen Geistes und lassen die alten, weltlichen Denkmuster hinter uns.

    Es bedeutet, die eigene Erschöpfung und die Zweifel der Nacht im Vertrauen auf Seine Gegenwart loszulassen, damit Er unsere Leere mit Seiner ungeschaffenen Gnade füllen kann.
    Pastor Bohnens Worte und sein inniges Gebet am Ende sind wie ein warmer Mantel für den heutigen Tag.

    Gott liebt uns bedingungslos, genau wie wir sind, aber Er liebt uns zu sehr, um uns in unseren Wunden zu belassen. Er fordert uns auf, die Netze auszuwerfen, weil Er uns unendlich wertschätzt und uns als Seine geliebten Mitarbeiter bei der Hand nehmen möchte. Er ist wie Vater und Mutter zugleich – voller Herzenswärme, Fürsorge und unendlicher Geduld.

    Aus tiefstem Herzen dürfen wir daher mit den Worten des Psalmisten antworten: Ich liebe dich, Herr, meine Stärke! (Psalm 18,2).

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